360 Jahre Weinkultur am Kap

Es war die Idee  von Jan van Riebeeck, Gouverneur der Niederländischen Ostindien-Kompanie im Kapland Wein anzubauen, um die Handelsreisenden vor  Krankheiten zu schützen. Knapp 360 Jahre später, sind in Südafrika rund 100.000 Hektar Land mit Reben bestockt, 300.000 Menschen arbeiten in der Weinbranche und die Weinregionen rund um Kapstadt, zählen zu den schönsten Urlaubszielen der Welt.

Die Intension der Holländer war es, an der Südspitze Afrikas einen Stützpunkt einzurichten, um die Handelsschiffe auf ihren Reisen entlang der Gewürzroute nach Indien, mit Lebensmitteln zu versorgen. Der Leiter der ersten Expedition Van Riebeeck, landete dort am 6. April 1652 und errichtete das Fort de Goede Hoop. Als Arzt, wusste er um die gesundheitliche Wirkung von Wein – vor allem zur Behandlung von Skorbut. Auch als Ersatz für das faulig werdende Wasser war Wein von unschätzbarem Wert. Das Kapland für Wein urbar zu machen, gestaltete sich schwierig, denn keiner der 85 Farmer, die im Dienst der Kolonie dort Obst und Gemüse anbauen sollten, hatte Ahnung von Weinbau und der Erzeugung von Wein.

„Heute, der Herr sei gepriesen, wurde zum ersten Mal aus Kaptrauben Wein gepresst,“ Jan van Riebeeck, 2. Feb. 1659

Mit seinem Tagebucheintrag am 2. Februar 1659 in sein Tagebuch und dokumentierte Riebeeck für die Nachwelt, die Geburtsstunde des südafrikanischen Weinbaus. Mit seiner Ablösung im Jahr 1662 durch Dresdner Zacharias Wagenaar fielen die weinbaulichen Ambitionen in einen Dornröschenschlaf. Erst mit der Amtsübernahme durch den vierzigjährigen holländischen Kommandeur Simon van der Stell erwachte 1679 diese Vision erneut. Der tatkräftige Van der Stell lies Weingärten anlegen und gründete Siedlungen wie z. B. Stellenbosch und später auch Franse Hoek. Das heutige Franschhoek, das 1685 zur neuen Heimat für die aus Frankreich geflohenen Hugenotten wurde.

Van der Stell selbst war ebenfalls ein passionierten Weinbauer und begründete den Weinbau im heutigen Constantia. Auf seiner Farm pflanzte er den ersten Muskateller, Green Grape (Semillon), Shiraz, Pinot Noir und Caberne. Die Rebsetzlinge importierte er aus Europa und Persien. Seine Tatkraft lockte im 17. Jahrhundert viele Einwanderer nach Südafrika. Darunter auch viele Deutsche, die Vorfahren von Weingütern wie z. B. Zandvliet, Hasendal, La Motte, Welgelegen und Sachsenburg.

Weniger rühmlich hingegen regierte sein Sohn Willem Adriaan. Den Weinbau nutzte er vor allem, um sich selbst zu bereichern. Freier Handel war den Bürgern verboten. Lizenzen für den Verkauf von Alkohol wurden teuer versteigert. Korruption war an der Tagesordnung. Die Weinqualität lies, aufgrund des Mangels an Fachwissen, fehlender Technologie und schlechte Hygiene zu wünschen übrig. Der internationale Absatz geriet ins Stocken. Um die Krise abzumildern, wurde den Winzer erlaubt, heimische Schankwirtschaften zu eröffnen und das Image der Kapregion als Taverne im Indischen Ozean begann sich zu formen.

Südafrikas Süßweine brachten es zu großem Ruhm und Ehre

Im Jahr 1806 endete die Kolonialherrschaft der Holländer und die Engländer übernahmen endgültig die Macht über das Kapland an der Südspitze Afrikas. Die englischen Gouverneure waren ein Segen für den Weinbau. Den Bürgern wurde freier Handel erlaubt und das britische Unterhaus gewährte den Weinen aus ihrer neuen Kolonie vergünstigte Einfuhrzölle. Zudem profitierten Südafrikas Weinbauern von den politischen Streitigkeiten zwischen Frankreich und England. Die napoleonischen Kriege und Englands Kontinentalsperre im Handel mit Frankreich beflügelten die Exporte. Besonders die Süßweine aus Constantia hatte es der Societey im 19. Jahrhundert angetan. Zu ihren Stammkunden zählten Napoleon, Bismarck und der König von Preußen. Die Weingüter am Kap avancierten zu einer privilegierten Schicht. Zeitzeugen dieser glanzvollen Zeit sind die prachtvollen Weingüter im kapholländischen Stil, die bis heute die Besucher entzücken.

Als die Briten 1835 die Einfuhrzölle auf südafrikanische Weine wieder normalisierten, brach der Absatz ein und die Lager der Händler quollen über. Die Südafrikaner exportieren ihre Weine nach Deutschland. Sie gewannen die Gunst einflussreicher Adeliger wie Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III., der angeblich noch auf dem Sterbebett Kapweine einforderte. Die wachsende Bekanntheit südafrikanischer Weine ebenso wie die nicht vollends ausgemerzten Qualitätsmängel lockte deutsche Fachleute ins Kap. Einer von ihnen war z. B. Professor Albrecht Fischer aus Stuttgart. 1884 übernahm er eine Lehrtätigkeit an der Universität in Stellenbosch. Drei Jahre später wurde er zum Landwirtschaftsminister der Kapkolonie berufen. Er gründete die erste landwirtschaftliche Schule Elsenburg und das erste landwirtschaftliche Fachmagazin. Der Weinbau am Kap gewann an Fahrt – der interdisziplinäre Dialog zwischen Wissenschaft und beruflicher Praxis sorgte für eine rasche Ausdehnung der Weinbaufläche.

Glücklicherweise erreichten viele der Pilze und Schädlinge, die in den Weinländern Europas verheerende Schäden anrichteten, die Kapregion erst mit zeitlicher Verzögerung. Oidium (Mehltau) 1845 aus Amerika nach Europa kommend, erreichte Südafrika erst 15 Jahre später. Die Ausbreitung der Reblaus die den Weinbau in Europa fast vernichtete, konnte in Südafrika durch den frühzeitigen Anbau von reblausresistenten Propfreben, eingedämmt werden.

Dem Boom folgt die Krise – Südafrikas Weinwirtschaft wird zum Monopol

Die ersten Funde an Gold und Diamanten und das Aufblühen der Industrie im Nordwesten des Südafrikas beflügelten endlich auch die Nachfrage am heimischen Markt. Die Zeit nach dem Burenkrieg (1899–1902) jedoch führte zum Einbruch, die Keller blieben voll und die Weinpreise brachen ein. Um die Winzer aus der existentiellen Krise zu retten, wurde die erste Genossenschaft gegründet und  der Weinbau wurde zentralistisch verwaltet. Die Gemeinschaft der Genossen in der Ko-operatiewe Wijnbouwers Vereniging van Zuid-Afrika, Beperkt (KWV) regelte von nun an, welche Rebsorten wo angebaut werden durften. Die Ertragsmengen und Mindestpreise wurden festgelegt. Weinexport war die Aufgabe der KWV, die wiederum von der schwierigen Weinsituation in Europa  nach dem ersten Weltkrieg profitierte. Lieberstein, ein halbtrockener südafrikanische Weißwein, avancierte 1965 zum meist verkauften Markenwein weltweit.

Südafrikas Weinbau heute – nachhaltig erfolgreich

Das Blatt wendete sich erneut: 1986, rund 40 Jahre nach Beginn der Apartheid-Ära, boykottierten die maßgeblichen Wirtschaftspartner (USA, EG und Japan) die Handelsbeziehung mit Südafrika. Der Weinbau in der Kapregion geriet erneut ins Stocken. Erst mit der Freilassung von Nelson Mandela und dem friedlichen Übergang in eine politische Demokratie, begann für die Weinbauern eine neue Ära. Die Öffnung der Handelsmärkte und die Notwendigkeit sich dem internationalen Weinwettbewerb zu bewähren, bedingten einen intensiven Strukturwandel. Rebanlagen mussten erneuert werden, die Rebsorten wurden den Bedürfnissen der Konsumenten angepasst. Die Produzenten konnten wieder reisen, entwickelten neue Visionen und investierten in die Modernisierung ihrer. Das weinbauliche Potenzial des Landes führte wiederum Fachleute und Geldgeber ans Kap. Gab es 1996 rund 78 Weingüter sind es inzwischen rund 494. Die Weinbaufläche beläuft sich weiterhin auf knapp 100.000 Hektar Land. Die Qualitätsdynamik resultiert aus der Stilllegung von Flächen und dem bevorzugten Anbau von Neuanlagen an klimatisch günstigeren Standorten.

Bildhaft gesprochen: Südafrikas Weinwirtschaft wandelte sich in den letzten 22 Jahren vom Aschenbrödel zur Prinzessin. Heute zählt das Weinland am Kap zu den innovativsten Weinregionen der Welt. Bereits 2010 präsentierte Südafrika den weltweit ersten Standard für nachhaltigen Weinbau. Die einstigen Kontrollstrukturen wurden in ein transparentes System gewandelt, das heute die Rückverfolgbarkeit jedes Weines vom Rebstock bis zur Flasche gewährleistet. Die Herkunft und Echtheit jeder Flasche südafrikanischen Weines wird mit einem Siegel garantiert. Die Winzer haben in den seit 2004 rund 140.000 Hektar ihres Landes freiwillig unter Naturschutz gestellt, um die einzigartige Flora und Fauna zu schützen. Zudem konfrontieren Südafrikas Weinerzeuger die dunkle Seite ihrer weinbaulichen Geschichte. Für die Kultivierung des Weinbaus mussten zahlreiche Immigranten auf den Weingütern hart arbeiten und ihre Nachkommen wurden während der Apartheid in ihrer Entwicklung extrem benachteiligt. Die Herstellung von Chancengleichheit und Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen ist heute der Fokus des gesamten Weinsektors.

Nach mehr als 360 Jahren bewegender Geschichte, sind in 2016 insgesamt 300.000 Menschen in den Weinregionen tätig. Die südafrikanische Weinfamilie ist heute bunter und vielfältiger denn je. Das Qualitätsniveau der Weine war noch nie so hoch wie heute. Die Strahlkraft der wunderschönen Landschaft, der Weingärten und die touristischen Angebote auf zahlreichen Weingütern, prädestiniert die Kapregion als abwechslungsreiche Urlaubsregion. Das Weinland Südafrika ist eine Versorgungsstation geblieben – heute allerdings für zahlreiche Weinfreunde und Naturliebhaber aus aller Welt.

Autorin: Petra Mayer, Südafrika Weininformation